Die Festansprachen am 125-Jahr-Jubiläum des KTV St.Gallen

Ansprache von AHV-Präsident Thomas Kellenberger v/o Yehudi

Sehr geehrte Gäste, liebe Farbenbrüder

 

Mein erster Gedanke war, dass ich als Präsident des Altherrenverbandes eigentlich nicht legitimiert bin, heute Abend zu sprechen, ist doch die Aktivitas 125 Jahre alt - und nicht der Altherrenverband. Bei den doch beachtlichen zeitlichen Dimensionen (Gründungsmitglieder leben bekanntlich keine mehr) ist etwas Distanz nicht von vorneherein etwas Schlechtes und der AHV als Hüter der Tradition und der hehren Ziele des KTV eben doch berechtigt, sich an diesem Anlass zu äussern - insbesondere, weil ich glaube, dass es ein paar Dinge gibt, die uns alle beschäftigen:

 

Als 1886 der Zofinger Albert Rothenberger, später dann im KTV Atlas Primus genannt, eine Turnsektion gründete, handelte er in völliger Übereinstimmung mit dem damaligen Zeitgeist. Nicht nur in St.Gallen, sondern auch anderswo in der Schweiz wurden akademische Turnerschaften gegründet; die Welle des Nationalismus hatte im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts auch die Schweiz erreicht. Der KTV bezweckte also nicht nur Sport und Spass, sondern gehörte mit dem griffigen Wahlspruch "mens sana in corpore sano" zum damaligen nationalen Programm. Der sportlich gestählte Turner mit gesundem Geist entsprach dem männlichen Ideal. Zwar war der KTV politisch und konfessionell immer neutral, aber er war auch immer national, eben eidgenössisch, wie auf der ersten Fahne von 1891 vermerkt: Dem Vaterland unser Streben.
Die Biografien vieler Farbenbrüder widerspiegeln diese Philosophie: KTVer dienten und dienen heute noch in den verschiedensten Positionen der res publica, daneben war eine Karriere als Offizier der Schweizer Armee selbstverständlich. Die KTVer der Gründungsjahre waren stolz auf ihr Land, und dieser Stolz war auch berechtigt, war doch der junge Bundesstaat der einzige Staat im damaligen Europa, den man als Demokratie und Rechtsstaat bezeichnen konnte.

 

125 Jahre später ist die Welt nicht mehr national bestimmt, sondern globalisiert, digitalisiert und von den Medien beherrscht; trotz diesen Veränderungen gibt es die drei grössten und wichtigsten Innovationen aus dem Jahre 1886 aber immer noch: Die Autos von Mercedes-Benz, Coca-Cola aus den USA und den KTV St.Gallen.
Veränderungen sind aber auch für uns spürbar geworden; wir müssen von folgenden Tatsachen Kenntnis nehmen: Das "mens sana in corpore sano" ist vom Wellness-Gedanken der Wohlfühlgesellschaft verdrängt worden, das Ansehen eines Obersten der Schweizer Armee tendiert gegen Null und Hand in Hand mit der Feminisierung der Gesellschaft haben die Frauen die Macht übernommen. Dazu kommt, dass die Herausforderungen, die der junge Mann eigentlich bräuchte, durch braves Lernen ersetzt worden sind.
Diese gesellschaftliche Realität hat Konsequenzen: Das männliche Ideal, Modell 1886, ist nicht mehr in Mode. Und Trendforscher behaupten, die Spitze der Feminisierung der Gesellschaft sei noch nicht erreicht. Kommt hinzu, dass die fortschreitende Individualisierung dazu führt, dass sowieso jeder das macht, was er will.  Dass der KTV, eine Verbindung mit verbindlichen Regeln, unter den erwähnten Vorzeichen mit Bestandesproblemen kämpft, ist nicht erstaunlich.

 

Und trotzdem, liebe Farbenbrüder, bin ich der Überzeugung, dass diese Aktivitas weiter existieren kann, hat der KTV doch ein paar spezifische Eigenheiten, die Chancen sein können:

 

Das Studententum als solches ist keine spezifische Eigenheit des KTV, es gibt ja auch noch andere Studentenverbindungen: Rapier-, Sporenklang und Versgesang sind Bestandteile traditioneller Rituale, nicht mehr und nicht weniger; wichtiger ist das Element der lebenslänglichen Verbindung Gleichgesinnter, das Bekenntnis zu Rot-Weiss-Grün, welches eine einzigartige Vernetzung ergibt. Auch wenn die heutige Jugend lebenslänglichen Verbindungen nicht hold gesonnen ist (Facebook und Twitter sind bekanntlich sehr unverbindlich), das KTV- Netzwerk ist und bleibt eine echte Stärke – bleibt nur zu hoffen, dass die Jugend dies auch erkennt.

 

Nach einer neueren Studie wechseln Jugendliche alle zwei Jahre die Sportart; der KTV könnte in diesem Punkt problemlos mithalten: Entscheidend ist nämlich, dass überhaupt Sport getrieben wird – denn Sport verbindet. Dass solche Entwicklungen nicht allen alten Herren gefallen, liegt auf der Hand, aber die Aktivitas von heute muss ihren eigenen Modus vivendi finden und nicht die Aktivitas von vor 50 Jahren imitieren.

 

Der KTV hat sich seit jeher durch Leistung ausgezeichnet, sei es, dass Wettkampfleistungen am Turnfest erbracht werden mussten oder sei es, dass die Abendunterhaltung auf die Beine gestellt werden musste: Ich habe persönlich die Erfahrung gemacht, dass dann, nachdem die Abendunterhaltung erfolgreich organisiert und durchgeführt worden war, wir zur Gemeinschaft wurden. Wir waren stolz darauf, es geschafft zu haben, und die Wirkung auf uns war frappant: Wir wurden zur verschworenen Gemeinschaft – die Farbenbrüder von damals halten heute noch zusammen. Ich bin der Auffassung, dass dies der springende Punkt ist, der über Sein oder Nichtsein entscheiden wird, nämlich, ob es gelingt, wirkliche Gemeinschaft zu schaffen.

 

Sodann war der KTV immer ein hervorragend funktionierendes Druckreduzierventil, um dem Stress entrinnen zu können. Sugus hat dies sehr elegant formuliert: "Der KTV gibt uns, was uns die Schule nimmt."

 

Die Bedürfnisse des jungen Mannes haben sich in den letzten 125 Jahren im Grunde genommen nicht geändert: Es ist immer noch so, dass er Herausforderungen sucht und braucht, damit dieses Leben zwar etwas gefährlicher (der doppelte Salto mit Schraube ist nun einmal nicht ungefährlich), dafür aber lebenswert wird. Der KTV ist seit 125 Jahren ein geeignetes Gefäss, um männlichen Tugenden zu frönen. Es bleibt zu hoffen, dass es auch der heutigen jungen Generation vergönnt ist, die Erfahrung, ja das Erlebnis einer funktionierenden Gemeinschaft zu machen. Der Altherrenverband kann nämlich coachen und unterstützen, den Weg zur Gemeinschaft muss sich jede Generation selbst erkämpfen - mit "mens sana in corpore sano".

Dixi.

 

 

Ansprache von Arno Noger v/o Kant


Verehrte Damen, liebe Farbenbrüder

Das OK hat mich um eine Art 360-Grad-Feedback gebeten. Dieses Verfahren wird oft angewendet, um aus unterschiedlichen Perspektiven eine Einschätzung der Kompetenzen und Leistungen von Fach- und Führungskräften zu erhalten. Hier geht es um ein multiperspektivisches Bild des KTV.

Perspektive 1: Spefux, Fux und Bursch

Wie war man als junger Gymnasiast beeindruckt von der Welt des KTV, die einem in einer heftigen Keilerei um Spefuxen offenbart wurde: Eine Einladung zur Abendunterhaltung im Schützengarten, Mitturnen am Freitag, Teilnahme an der Tessinwanderung … und dann nach vielen Peitschenhieben des Fuxmajors die Taufe! Stolzes Übermarchen der 10-Uhr-Pause am Stamm vor dem Haupteingang der Kanti, Hüttenfahrten, Kommerse mit Vorträgen von im Leben arrivierten Altherren. Altherren, die man mit „Du“ ansprechen konnte, wie einen Luno, einen Spatz. Kontakte zur Damenwelt beim Einstudieren von Tänzen für die Abendunterhaltung, am Maibummel oder am verbindungseigenen kleinen Maturaball! Freundschaft unter Farbenbrüdern!Kein Botellón, kein Club, nicht hunderte von Facebook-Freunden können das m.E. heute aufwiegen.
Charakteristische Züge von jungen Fuxen wurden früh erkannt und mit dem Vulgo – quasi als perspektivisch gedachte Bekanntmachung – festgehalten:

Doc – benannt nach dem Diktator auf Haiti: letztes Jahr Kantonsratspräsident, der weitere Weg ist offen…
Speedy – schafft es noch heute, mich mit seiner rasanten Fahrweise Blut schwitzen zu lassen
Proton – schlägt sich auch heute damit und mit anderen technischen Dingen rum
Dior – verkörpert AKRIS und spielt in der gleichen Liga wie sein Namensgeber…
Adonis – zu schön um wahr zu sein…!
Locker – so ist er noch heute!

Perspektive 2: AH

Als junger Altherr in der Universitätsstadt Zürich eingeladen am Stamm der Zürcher Blase oder zum Weihnachtsanlass im Zunfthaus: Ein Netz von herzlichen Kontakten war geknüpft.

Auch für ein gediegenes Altherrenleben ist gesorgt. Das Jahr schön eingeteilt in Abschnitte für die Maifahrt, das Bratwurstessen, eine Hüttenfahrt, die HV, die Abendunterhaltung – zum Glück wieder auferstanden! Man kann Jahre weg sein – wie z.B. Potz – und gleich ist man wieder im Freundeskreis aufgenommen. Wo findet sich das in der schnelllebigen Welt sonst noch?  Verbindung als Lebensverbindung.

Perspektive 3: Schwiegersohn eines KTV-ers

Die künftige Gattin war in zugegebenermassen eher belustigender Aufmachung als Nummerngirl an der Abendunterhaltung 1976 zu sehen. Der künftige Schwiegervater war abstinent und doch ein vollwertiger KTVer. Tasso hatte an der AU 1976 auch seinen Auftritt: Turnerisch beschlagen, ob als Tafelmajor auf dem Drahtseil oder am Barren. Wehmütige Erinnerungen kommen auf. Auch das gehört zum KTV-er Leben.

Perspektive 4: AH Präsident / Mitglied Jubiläums OK

Nichts lag daher näher, als an der AU 1985 das Jubiläum "100 Jahre KTV" zu zweit anzukündigen – auf der Bühne des Schützengartens mit Rollschuhen an den Füssen. Zu dritt war das fast ein Familienprojekt: Tasso als Jubiläums OK-Präsident mit vielen Ideen, Susi als Organisatorin des Damen-Anlasses – schon damals mit dem aufstrebenden Modehaus AKRIS – und ich als AHP. Tolle Erinnerungen sind da. Heute hingegen können wir Älteren  zurücklehnen und einfach geniessen, denn eine neue Generation hat die Sache potent angepackt. Irgendwann kommt jeder mal zum Handkuss – und ein KTV-er lebt dem Grundsatz nach: "Wenn du willst, dass etwas getan wird, dann tu es."

Perspektive 5: Lehrer

Die KTV-er Aktiven sind einem als Lehrer schon speziell ans Herz gewachsen – allerdings getreu nach dem Satz von Saint-Exupéry: "Aimez ceux que vous commandez, mais sans le leur dire." Sie waren nicht immer die einfachsten, aber im Ganzen betrachtet halt doch eine herausragende Gruppe. Schön, dass man sich nach der Matura völlig natürlich nahe blieb. Und ein tolles Gefühl, wenn aus den jungen KTV-ern im Schulbank dann Männer werden, die ihren Platz im Leben gefunden haben und man sieht, dass sie ihre Anlagen aus der Kanti-Zeit positiv weiter entwickelt haben.

Perspektive 6: Rektor

Heute findet sich in der siebenköpfigen Schulleitung nur noch ein einziger Farbentragender – Stefan Strasser v/o Bavard – auch dieser Vulgo stimmt – von der Minerva.

Früher war das Umfeld besser: Altherren von hiesigen oder anderen Verbindungen waren nicht nur im Lehrkörper zahlreich sondern auch besonders wichtige Stützen im Rektorat. Ihre Verbindungen zur Gesellschaft gaben der Schule breiten Rückhalt und waren ebenso wertvoll wie ihre Führungs- und Gemeinschaftsfähigkeit. Ich denke dankbar zurück z.B. an Schulleitungsmitglieder wie Bruno Kühnis, Urban Schönenberger, Erwin Stickel, Paul Strasser oder Franz Wigger. Die persönliche Erfahrung aus der Verbindungszeit, die Einsicht in die Chance, die Verbindungen für die Schule darstellen, ist m.E. weitgehend abhandengekommen. Dazu ein Zitat: "In Verbindungen soll der Heranwachsende lernen, sich einzuordnen, aber auch zu führen, die Entscheide in demokratischem Verfahren zu erarbeiten, Rücksicht auf die Gemeinschaft zu nehmen und Verantwortung zu tragen. Dies sind im Grunde genommen die Ziele einer modernen staatsbürgerlichen Erziehung." Das hatte Luno vor bald 40 Jahren am Jubiläum der Zofingia gesagt. Das Zitat klebt in meinem Kantusprügel – und es bleibt dort, weil es immer noch stimmt.

Perspektive 7: Vater eines KTV-ers

Das ist die einzige Perspektive, in der der KTV als Bedrohung wahrgenommen werden könnte… Diesen Blickwinkel hat die Gattin, die befürchtet, der Sohn könne zum Säufer werden. Sie lauert dem KTV-er am Freitagabend (oder frühen Samstagmorgen) auf, um zu schauen, wie nüchtern oder wie betrunken er ist. Eine Mutter, die den heimkehrenden Söhnen Testaufgaben in schriftlicher Form vor die Eingangstüre legt. So im Stil: "Nimm dieses Blatt, falte es viermal und leg es auf den mittleren der drei Äpfel in der Fruchtschale!" Wehe, wenn am nächsten Morgen die Aufgabe nicht tiptop erfüllt war. Unter KTV-er Vätern war eher die Frage, wie man den Sohn bezüglich Freitagabend beraten sollte. Musterdialog (Mütter bitte weghören!): Kant zu Audax: "Die spinnen wirklich, wie die saufen! Ich habe Adonis gesagt, er solle nach dem Turnen zuerst was essen, damit er einen Boden im Magen hat. Sonst überstellt es den …" Audax zu Kant: "Im Gegenteil: Ich habe Pitcher gesagt, er soll nichts essen. Dann wird er schneller blau und das ist billiger…" Übers Mass gebechert haben sie, aber es war vorübergehend. Wie bei uns.

Ein Prosit der Festgemeinde, ein herzliches vivat, crescat, floreat dem KTV!